Rolf Gerdes

Den Mutigen gehört die Welt ... den Freileitungsakrobaten         Neue Fotos!!

Der Bahnhof Eisersdorf (Zelazno) in Schlesien im Jahre 1990

Ein trauriger Anblick im Nov. 2019: Ein Feuer und ein Orkan haben den ehemals schönen Bahnhof zur Ruine gemacht.  

Bild oben: Der Bahnhof wurde von mir im Maßstab 1:87 nachgebaut.



Das Modell vom Bahnhof Eisersdorf wurde am 08. Aug. 2020 um 11:00 Uhr am Bahnhof Zelazno übergeben - einschl. einiger Fahrkarten aus dem Eisersdorfer Fahrkartenschrank.

 

Der Eisersdorfer Bahnhof steht noch bis zum 14- März 2021 wieder zum Verkauf!!


 

Der Fahrkartenschrank aus dem Bahnhof Eisersdorf steht heute in einem polnischen Eisenbahnmuseum.

                                                                                                                                                                                 Fotos>: Rolf Gerdes

Glocken der schlesischen Heimat erklingen heute in Nordenham....


Als Eisersdorf in Zelazno umbenannt wurde

Erinnerungen an den Bahnhof Eisersdorf / Grafschaft Glatz 

Verfasst von Klaus Dressler am 18. Jan. 2021

 Ergänzungen von Rolf Gerdes

 Eisenbahner und Soldaten sind der Verfassung ihres Staates zur unbedingten Treue verpflichtet - bis zum bitteren Ende. Im 2. Weltkrieg wurden noch bis kurz vor Kriegsende von Standgerichten tausende Todesurteile gegen Eisenbahner und Soldaten vollstreckt, die Befehlsverweigerung begangen.

 Und Eisenbahner und Soldaten sind beim Vorrücken der Front immer die Ersten, und die Letzen, wenn die Front zusammenbricht und der Rückzug angetreten werden muss.

So war es auch im Mai 1945 in Niederschlesien in der Grafschaft Glatz.

Der Präsident der Reichsbahndirektion (RBD) Breslau hatte sich schon am Morgen des 27. Januar 1945 mit einem Sonderstab im Befehlszug in Richtung Westen nach Görlitz abgesetzt.

Mit den Beschlüssen der Alliierten auf der Konferenz von Jalta, vom 04. - 11. Febr. 1945, wurde die Aufteilung Deutschlands in Besatzungszonen festgelegt. Mit dem Vorrücken der Sowjetarmee auf Breslau wurden auch die Mitarbeiter der RBD Mitte Februar 1945 nach Westen verlegt.

Als die Front noch weit weg war, herrschte in der Grafschaft Glatz in den ersten Kriegsjahre noch Alltagsleben. Im Eisersdorfer Steinbruch wurde weißer Kalkstein abgebaut und am Eisersdorfer Bahnhof in Güterwagen verladen, Bäcker Schäpe und 3 weitere Bäckereien verkauften Brot und schlesischen Streuselkuchen und die Fleischerei Wagner verkaufte Fleisch- und Wurstwaren. In der großen Baumwollspinnerei im benachbarten Rengersdorf wurde unermüdlich Garn gesponnen.

In Ullersdorf produzierte eine Keramikfabrik Ofenkacheln, und auf den umliegenden Gutshöfen verrichteten ca. 20 Kriegsgefangene verschiedener Nationalitäten ihre Feldarbeit. Untergebracht waren sie im historischen Eisersdorfer Festungsturm.

                                                               Foto: Sammlung Gerdes

Im Sommer badeten Eisersdorfer Kinder im seichten Wasser an einem Wehr der Biele, in der Nähe der Schule.

Im Winter rodelten sie die Berghänge hinab oder liefen Schlittschuh auf der zugefrorenen Biele.

Als Ministrant in der Eisersdorfer katholischen Kirche St. Martin, war Klaus Dressler auch für das Glockenläuten eingesetzt. Wenn er kräftig an den beiden Glockensträngen zog und die Glocken im Turm zum Schwingen brachte, ging sein Blick oft nach oben zur hölzernen Kirchturmdecke, in der es drei nebeneinander angeordnete kreisrunde Durchführungen für die Glockenstränge gab. Zwei davon waren belegt. Für die nicht genutzte dritte leere Durchführung hatte er damals noch keine Erklärung.

 Vor ein paar Wochen erzählte Rolf Gerdes ihm die Geschichte der dritten Glocke, die in Kriegszeiten zum Einschmelzen abgenommen wurde und heute in der St. Willehad Kirche in Nordenham hängt und von dem Eisersdorfer Fahrkartenschrank, der bis heute alle Stürme überstanden hat und nun in einem polnischen Eisenbahnmuseum die Besucher erfreut.

Klaus Dressler schildert seine Erlebnisse als Eisenbahnerkind in Kriegszeiten auf dem kleinen idyllischen Bahnhof im Glatzer Bergland

 Mein Vater, Franz Dreßler, wurde im Juni 1940 von Kamenz / Schlesien nach Eisersdorf in die Grafschaft Glatz als Bahnhofsvorsteher versetzt. Er wurde Nachfolger von Bahnmeister Hermann  Rieger, der mit seiner Familie in eine Wohnung im Dorf zog. Da er die Apfelbäume im Garten gepflanzt hatte, brachte ich ihm jedes Jahr einen Korb mit Äpfeln.

Zum Bahnhofspersonal zählte noch unser Nachbar, Bahnassistent Josef Teuber; er kümmerte sich um die Heizung des Bahngebäudes, die Weichenschmierung, hielt die Signallaternen in Ordnung, etc. Der Schrankenwärter Hermann Lengsfeld an dem Bahnübergang auf der Straße nach Melling gehörte auch dazu. Dann waren da noch 3 Mann von der Rotte mit dem Rottenführer, Herrn Jogwer.

 Bis zu unserem Umzug nach Eisersdorf wohnte mein Vater im Gasthaus Gründel gegenüber der Kirche. Dann, im September 1940 zogen wir endlich um. Eisersdorf, diesen kleinen, verträumten Gebirgsbahnhof hatten wir sofort in unser Herz geschlossen.

 Das Wohnhaus und Dienstgebäude (Bild rechts) lag praktisch neben dem Bahnhof.

Morgens gegen 10.00 Uhr brachten meine Mutter oder ich meinem Vater ein Kännchen Kaffee ins Bahnhofs - Büro, mittags kam er nach Hause zum Essen, und an warmen Abenden im Sommer saßen wir abends unter der großen Linde im Garten. Gegen ½ 11 kam der letzte Zug aus Glatz; wenn er den Rengersdorfer Bahnhof verließ, gab er einen  lauten Pfiff ab, dann ging mein Vater rüber zum Bahnhof, fertigte den Zug ab, und danach war’s wieder still. Es war eine Idylle.

Lageskizze der Bahnanlagen am Eisersdorfer Bahnhof 

Die Bahnstrecke selbst war eingleisig. Der Bahnhof hatte 3 Gleise; ein Hauptgleis, auf dem sich der normale Verkehr abspielte, ein zweites Gleis für die Zugkreuzungen und am Ende des Bahnsteiges vom Hauptgleis zweigte das Ladegleis zur Ladestraße ab.

Im Wesentlichen wurden dort Holzstämme, Kalk aus den Kalköfen in spezielle Waggons und Kalksteine aus den Steinbrüchen verladen. (Kalköfen und Steinbrüche gehörten der Familie Tornow. Ankommende Kohle wurde vom Kohlenhändler Wanke entladen, der in der Kolonie Wachsmann wohnte. Das war meistens eine staubige Angelegenheit. Das Ladegleis besaß eine Profilbegrenzung und eine Gleiswaage.

 Im Vorbau des Bahnhofs waren das Stellwerk und das Morsegerät untergebracht; im Stellwerk konnten nur die Signale gestellt werden, die Weichen mussten von Hand umgelegt werden; im Winter mussten sie schneefrei gehalten werden. Der Schneezaun sollte den Bahnhof vor Schneeverwehungen schützen, doch sie waren oftmals so heftig, dass morgens erst ein Schneepflug die Strecke freimachen musste. Der Schrankenwärter Lengsfeld war im Winter 1942/43 abends einmal so stark eingeschneit, dass er von außen befreit werden musste.

Die Signallampen mussten von Hand gewechselt werden, das Rauf-und Runterkurbeln konnte ich erledigen. Dafür durfte ich dann mal im Dunkeln neben meinem Vater die Karbidlampe hochhalten und den Zug abfahren lassen.

 Von Ullersdorf her verlief die Bahnstrecke etwas abschüssig, dort stand auch ein Vorsignal.

Im Sommer erfreute sich der Bahnhof eines regen Ausflugverkehrs. Ziel von Wanderern war der in 1,4 km Entfernung vom Bahnhof liegende Berggipfel der 518 m Weißkoppe mit seinem 22 m hohen hölzernen Aussichtsturms, von dem Wanderer einen herrlichen Blick auf das Tal der durch Eisersdorf fließenden Biele genießen konnten.

Beliebt war auch eine Wanderung zum 1 Kilometer entfernten Ort Melling.

 Aber am Abend musste das Bahnpersonal oftmals die Ausflügler in den letzten Zug nach Glatz regelrecht “hineinpressen“, denn alle mussten mit.

Der Fahrkartenverkauf erfolgte vom Dienstzimmer durch den Schalter zum Warteraum hin, rechts davon stand der Fahrkartenschrank mit den aufliegenden Fahrkarten.

 Die Bahnbeamten auf dieser Strecke fühlten sich wie eine Familie. So schickte der Bahnhofsvorsteher von Seitenberg uns jedes Jahr einen Tag vor Weihnachten im Gepäckwagen eine wunderschöne Tanne.

 Am 02.01.1942 änderte sich alles; an diesem Tag wurde mein Vater von der RBD Breslau nach Russland abgeordnet, nach Jassinowataja, nahe Stalino (Donezk). Jassinowataja war der größte Rangierbahnhof der Ukraine. Hier musste er die Züge nach Maikop und Stalingrad zusammenstellen.

Ein Bahnbeamter aus Ullersdorf, Herr Lux, wurde sein Stellvertreter in Eisersdorf, aber wir blieben in der Dienstwohnung am Bahnhof wohnen.

Am 12.02.1945 kehrte mein Vater vom Osteinsatz in seine Heimatdienststelle Eisersdorf zurück.

Am 07. Mai 1945 erklärte Großadmiral Dönitz den alliierten Streitkräften die bedingungslose Kapitulation der Deutschen Wehrmacht und in der Nacht zum 08.Mai 1945 rückte die Sowjetarmee über die Straße von Ullersdorf kommend, in Eisersdorf ein.

Das Eisersdorfer Bahnhofsgebäude wurde von einem russischen Offizier zur Kommandantur erklärt und auf der Tür zur Bahnhofshalle mit roter Farbe der Schriftzug Командирия gemalt.

Das gesamte Bahnhofsgelände wurde von russischen Soldaten und ihren Militärfahrzeugen wie Panzer, Lastwagen und Kradräder belagert.

 In Schlesien wurde mit Zustimmung der Sowjets unmittelbar nach der Besetzung des Landes von der Polnischen Staatseisenbahn (PKP) eine provisorische Bahndirektion eingerichtet.

Unter polnischer Leitung führten deutsche Eisenbahner den Eisenbahnbetrieb weiter.

 Kurz vor Kriegsende wurde von der Wehrmacht noch die Eisenbahnbrücke über die Raumnitz (kleiner Bach) zwischen Eisersdorf und Ullersdorf gesprengt.

 Mein Vater wollte das Sprengkommando von der sinnlosen Sprengung dieser Brücke auf der eingleisigen Stichstrecke nach Bad Landeck noch abhalten, denn die Strecke hatte keine große strategische Bedeutung, weil parallel zur Bahn eine gut ausgebaute Straße verlief. Aber Befehl war Befehl und Widerstand gegen Befehle wären durch Standgerichte unmittelbar durch Erschießen geahndet worden.

                                   Raumnitzbrücke

 Nun gab es keinen Bahnverkehr mehr nach Bad Landeck / Seitenberg.

 Die Brücke wurde nach Kriegsende in Holzkonstruktion sofort wieder aufgebaut. Ich war dabei, als aus Glatz eine Lok kam und die Brücke testen sollte. Sie tastete sich ganz langsam zentimeterweise auf die Brücke, blieb mehrmals stehen, fuhr wieder weiter und erreichte schließlich die andere Seite. Die neue Brücke hatte die Belastung ausgehalten. Jetzt konnte die Strecke wieder befahren werden, und mein Vater und Herr Teuber verrichteten weiterhin ihren Dienst auf dem Bahnhof. Ab Oktober 1945 erfolgte das dann unter polnischer Oberhoheit.

 Am 06.01.1946 meldete sich spät abends bei uns ein polnischer Bahnbeamter, ein Herr Ottok. Er stellte sich als Nachfolger meines Vaters vor, hat nur eine Nacht bei uns geschlafen und hat sich am anderen Tag eine Unterkunft im Ort gesucht.

 Im Februar 1946 wurde der größte Teil der Eisersdorfer Einwohner vertrieben, ich weiß noch, es war ein eiskalter Tag. Wie wir später erfuhren, sind sie per Bahn nach Nordenham gebracht worden.

 Familie Teuber und wir mussten dableiben zur Aufrechterhaltung des Bahnbetriebes, kamen doch jetzt viele Menschen aus Ostpolen an.

Mittlerweile traf ein weiterer polnischer Beamter für Herrn Teuber ein, Herr Kimla; er zog in ein Zimmer bei Familie Teuber. Jetzt war das polnische Bahnhofspersonal eigentlich komplett, aber Herr Teuber und mein Vater mussten weiterhin ihren Dienst verrichten.

 Am 16.10.1946 begann die zweite Ausweisungswelle; Familie Teuber und wir mussten morgens unsere Häuser verlassen, packten unsere Habseligkeiten, so gut es ging, auf Handwagen und verließen den Bahnhof; meine Eltern schafften es nicht, sich nach ihrem Zuhause noch einmal umzudrehen.

 Ich war 12 Jahre alt. Beim Gasthaus Gründel wurde ein Treck zusammengestellt, dem wir uns anschließen mussten. Es ging zu Fuß nach Glatz. In der Nähe der Ringelmühle wurde die Straße steiler, wer da nicht hoch kam, musste einen Teil seiner Sachen abladen und liegen lassen, oder wenn er Glück hatte, nahm ein Pferdefuhrwerk sie mit.

 In Glatz übernachteten wir im Finanzamt, am anderen Morgen ging es zum Glatzer Hauptbahnhof. Dort stand schon ein Zug für unseren Abtransport bereit. Nachdem wir die Kontrollen nach Geld und Papieren auf dem Bahnhof passiert hatten, wurden wir mit all unseren Sachen in die Güterwaggons verladen, ich meine, man hörte, es seien so um die 20 Personen pro Waggon.

Gegen Abend fuhr der Zug ab in Richtung Kamenz. In der Nacht äußerten einige schon ihre Angst davor, womöglich nach Russland gebracht zu werden. Am anderen Morgen sahen wir, es ging nach Westen, und wir landeten in Kirchmöser, in der sowjetisch besetzten Zone. Dort wurden wir in Lagerbaracken untergebracht. Nach ca. 4 Wochen verfrachtete man alle Eisersdorfer nach Bützer an der Havel, und dort verteilte uns der Bürgermeister in die Wohnungen der einheimischen Bevölkerung.

Dort ging es uns so schlecht, dass mein Vater beschloss, am 16.05.1947 mit uns in die Westzone zu gehen. Wir landeten im Flüchtlingslager Hameln, von dort wurden wir nach Aerzen verteilt, wieder in ein Zimmer bei einer einheimischen Familie.

 Nach der Währungsreform bekam mein Vater eine Anstellung bei der Eisenbahndirektion Essen auf dem Bahnhof in Gelsenkirchen, und dort war bis zu seiner Pensionierung 1961 beschäftigt.

 

                                                                                                                                               Foto: Google Maps                                  Die heutige erneuerte Eisenbahnbrücke über die Straße nach Raumnitz / Romanowo. Links von der Straße fließt das Bächlein Raumnitz durch die Unterführung.

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Als vor 75 Jahren die Schlesier nach Nordenham kamen

 Vorbemerkung von Rolf Gerdes

Karl Mann, Jahrgang 1932, beschreibt eine Episode aus seinem Leben, die er vor 75 Jahren  als Jugendlicher im beschaulichen schlesischen Eisersdorf, in der Grafschaft Glatz erlebte.

 Karl wohnte mit seiner Mutter und zwei Brüdern Helmut und Manfred mitten in Eisersdorf, in einem Haus am Ufer der durch Eisersdorf fließenden Biele, gegenüber der neuen Volksschule. Sein Vater, Franz Mann, wurde am 15. Jan. 1943 als Soldat an die russische Front eingezogen.

 Am 09. Mai 1945 wurde Eisersdorf „lautlos“ von russischen Soldaten eingenommen. Wer von den Einwohnern noch nicht gen Westen geflohen war, musste nun mit russischen Soldaten leben.

 Weil die Hauptstoßrichtung der Sowjetarmee in Richtung Breslau – Berlin verlief,  wurde die Grafschaft so gut wie gar nicht durch Bombardierungen beschädigt.

Nachdem der Gauleiter Karl Hanke die Stadt Breslau zur Festung erklärte und die Bevölkerung zum Durchhalten aufforderte, ließ er seine Volksgenossen im Stich und flüchtete in einem Flugzeug, einem Fieseler Storch, am 06. Mai 1945 klammheimlich aus dem von der Sowjetarmee bereits umlagerten  Breslau. Sein endgültiges Schicksal bzw. sein Verbleib konnte bis heute nicht zweifelsfrei geklärt werden.

 Bericht von Karl Mann

 Die Deutschen lebten nach Kriegsende zunächst mehr schlecht als recht mit den russischen Soldaten in Eisersdorf. Für uns Jungen war der Kontakt zu Soldaten immer ein Abenteuer. Wir fanden weggeworfene Munition und Waffen in der Biele und experimentierten mit stibitzten Zündschnüren und Sprengstoff aus dem Steinbruch.

 Vor Kriegsende hatten wir Kontakt zu den Wehrmachtssoldaten, die unsere 1939 gebaute neue Volksschule zur Panzerreparaturwerkstatt umfunktioniert hatten.

Nach Kriegsende lagerten dort russische Soldaten. Heute ist die Schule ein privates polnisches Gymnasium.

Russische Soldaten mochten Kinder, Hass uns gegenüber haben wir bei Ihnen nie verspürt. 

 Auf dem Schulhof hatten russische Soldaten eine Feldküche aufgebaut. Einmal, als ich einer Rinderschlachtung auf dem Schulhof zuschaute, gab mir ein russischer Soldat zu verstehen, dass ich für meine Mutter den Kopf und den Hals des Tieres haben könnte.

Da habe ich nicht lange gezögert und holte schnell meinem Bruder Helmut zum Abtransport des Geschenks zur Hilfe.

 Nachdem Kopf und Hals fachmännisch vom Schlachter abgetrennt waren, packten wir den Kopf bei den Hörnern und schleppten ihn die 150 m zu unserem Haus. Mutter war sehr erfreut und wir hatten wieder etwas zu essen.

 Einmal begleitete ich mit sieben weiteren Jungs an einem sonnigen Tag im Juni ´45 einen Viehtreck nach Bad Landeck. Angeführt wurde der Treck von einem russischen Soldaten im Panjewagen.

Wir Jungs mussten als Treiber dafür sorgen, dass Tiere nicht seitlich aus dem Treck ausbrachen.

 Aufbruch war gegen 8.00 Uhr in Eisersdorf. Wir trieben die Rinderherde mit ungefähr 100 Tieren entlang der Straße von Eisersdorf zum 13 km entfernten Bad Landeck. Dort wurden die Tiere gesammelt  und mit der Eisenbahn weiter transportiert.

 Auf dem Panjewagen entdeckte ich schon bald einen mit einem Tau an einem Fleischerhaken hängenden geräucherten Schinken. Er schaute auf der Rückseite des Wagens hinter dem halb geöffneten Verdeck hervor.

Aber wie kam ich nur an das gute Stück heran?

  Am Bahnhof Bad Landeck angekommen, konnte ich im Durcheinander von Tieren und Menschen in einem unbeobachteten Moment den ca. 2 kg schweren Schweineschinken vom Panjewagen erbeuten.

 Schnell unter meiner Jacke versteckt, lief ich mit dem Schinken zu den Bahnhofsgleisen, wo auf

einem Nebengleis ein Güterzug stand. Und wo kann sich ein Junge wohl besser verstecken als unter einem Güterwagen!

Also versteckte ich mich in einem der letzten Waggons unter dem 1 Meter über den Schienen liegenden Waggonboden. Russische Soldaten begleiteten den Zug im ersten Waggon hinter der Lok.

 Das Gewirr von Bremsgestängen, Bremsluftbehälter, Sprengwerk und den Achsrädern boten einen guten Schutz gegen meine Entdeckung.

 Es dauerte nicht lange und der Güterzug setzte sich in Richtung Eisersdorf in Bewegung.

 Ich konnte mich mit dem Schinken zwischen Luftbehälter, Sprengwerk und Bremsgestänge problemlos unter dem Güterwaggon festhalten.

Nach ungefähr einer halben Stunde, so gegen 16.00 Uhr, hielt der Zug kurz vor Eisersdorf vor der provisorischen hölzernen Eisenbahnbrücke über die Raumnitz.

 Die Brücke wurde noch kurz vor Kriegende von Sprengkommandos der Wehrmacht gesprengt, um das Vorrücken der Sowjetarmee über den Schienenweg nach Glatz zu verzögern.

 Alle Züge durften die provisorische Brücke nur im Schritttempo befahren.

Das war für mich die Gelegenheit, mein Versteck unterm Güterwagen zu verlassen. Mit dem Schinken unter Arm kroch ich unterm Waggon hervor und rutschte den an dieser Stelle 5 Meter hohen Bahndamm hinunter. Unten angekommen, bin ich schnell die ca. 800 Meter zu meinem Elternhaus gelaufen.

Damit mich keiner mit dem Schinken erblicken konnte, lief ich zunächst ein Stück am Bahndamm entlang, querte dann den Schrankenposten der Straße nach Melling um weiter in Richtung Friedhof zu laufen. Als der Schrankenwärter Hermann Lengsfeld mich aber doch sah, rief er mir nach: „Das Betreten des Bahndamms ist verboten.“

 Zuhause angekommen, war bei meiner Mutter und meinen Brüdern große Freude über den wunderbaren Schinken. In dieser schweren Zeit musste jeder sehen, wie er durch die Zeit kommt.

 Das bisherige öffentliche Leben war zusammengebrochen und keiner wusste genau, wie es weiter gehen wird.

Im Frühjahr des Jahres 1945 wurde auch kein Flachssamen auf den Eisersdorfer Feldern ausgesät; damit gab es auch keinen Flachs für die Flachsgarnspinnerei in Rengersdorf.

 Der Kohlenhändler Friedrich Wanke wohnte in der Kolonie Wachsmann im Niederdorf. Am Eisersdorfer Bahnhof bekam er seine Kohlen in Waggons geliefert. Meine Mutter hatte zu ihm einen guten Draht, und so versorgte er uns häufig mit großen Kohlenstücken bester schlesischer Steinkohle, mit der wir unseren Küchenherd im Winter ordentlich einheizen konnten.

 Im Februar 1946 wurde unsere Familie aus Schlesien ausgewiesen. Mit der Eisenbahn kamen wir nach Nordenham. An die flache und baumlose Marschenlandschaft konnten wir uns nur schwer gewöhnen.

 Der Kohlenhändler Wanke fand fern der Heimat seine letzte Ruhe, auf dem Abbehauser Friedhof.

 Eine weitere Episode von Klaus Dressler

Im Herbst 1944 wurde der Unterricht in der Herbert-Markus Schule eingestellt und in die frühere alte Schule (derzeitiges Gemeindehaus) am Aufgang zur Kirche zurückverlegt.

Mein letztes Zeugnis datiert vom 27. Juli 1944, im Februar 1945 gab es schon kein Zeugnis mehr. Der Unterricht in der alten Schule lief sehr schleppend mit Ausfall. Wo die Gemeindeverwaltung geblieben war, weiß ich nicht mehr.

Auf dem bisherigen Schulgelände wurde in der Tat eine Panzerreparatur-Werkstatt eingerichtet, die auch große Teile des benachbarten Parks der Frau von Roeder (Schloss von Münchhausen) mit einbezog. Endlich war was los in Eisersdorf; meine Freunde und ich schlichen uns im Unterholz des Parks möglich dicht an die dort stehenden Panzer heran.

Das Schloß ist seit Oktober 2019 ein "Sozialamtshaus" (Altenheim).

Bischof Ignatians Dec und Pfarrer Boleslaw Stanislawiszyn besuchten es am 23. Oktober 2019. 







 

Foto: Bundesarchiv Bild 101I-299-1805-16, Nordfrankreich, Panzer VI (Tiger I) 

Die neue Grundschule in Eisersdorf ist heute ein privates Gymnasium.

Mit zwei Fahrern von Tigerpanzern hatte ich mich angefreundet; also durfte ich nach der Reparatur mit zum Probeschiessen auf ein Feld an der Straße nach Ullersdorf fahren. Von dort schossen sie auf einzelne Bäume am Waldrand in Richtung Märzdorf, und zu meinem Erstaunen trafen sie auch.

Plötzlich erhielten sie Befehl sofort loszufahren, weil sie noch nachts an der Front bei Neisse eintreffen mussten. 

Nach der Kapitulation im Mai 1945 gab es keinen deutschen Unterricht mehr, auch der Panzerreparaturbetrieb war meines Wissens zu Ende; es sei denn, die Russen haben den Schulhof für die Reparaturen ihrer Fahrzeuge benutzt, denn sie hatten eine Transportroute Breslau - Wien durch Eisersdorf - und im Ort eine provisorische Tankstelle - eingerichtet. 


Der Klang der Eisersdorfer Glocke ist nun weltweit zu hören!!  Klicken Sie mal.... 

Sommerfrische Weißkoppe